Die Gesänge auf dem Blauen Kunigundenmantel

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Im Diözesanmuseum Bamberg gibt es eine erstaunliche Sammlung prächtiger kaiserlicher Mäntel aus dem Mittelalter, darunter der Blaue Kunigundenmantel. Er war ein Geschenk von Kunigunde, der Ehefrau Heinrichs II., der 1014-1024 den römisch-deutschen Kaiserthron innehatte, an den Bamberger Dom, der Kirche des aus ihrem Heiratsgut gestifteten Kirche. Kunigunde hat das Gewand in einer mit dem Kaiserhof verbundenen Werkstatt als explizit liturgisches Gewand fertigen lassen und dann dem Bamberger Dom übergeben. Dies war bereits eine Tradition ihrer Amtsvorgängerinnen.
Auf diesen Mantel ist um eine zentrale Mandorla auf kunstvollste Weise eine Vielzahl von kreisrunden Emblemen aufgestickt, in deren Mitte jeweils biblische Szenen und Figuren dargestellt sind. Um jeden Emblemrand laufen gestickte Textanfänge von Gesängen, hauptsächlich Antiphonen und Responsorien, die zum Advents- und Weihnachtsfestkreis gehören (darunter einige der berühmten O-Antiphonen der Adventszeit) sowie zum Petruszyklus und zu den Propheten. Damit enthält dieser Mantel nicht nur bildliche Darstellungen mit biblischen Thematiken, sondern auch eine quasi eingewobene musikalische Schicht, die in der Gesamtschau dieses komplexen Gegenstandes nicht nur mitgedacht, sondern auch mitgehört werden sollte.

Das Vokalensemble Stella nostra hat 2020 einige dieser Gesänge aufgenommen, die in einer virtuellen Ausstellung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, welche diesem Mantel mit all seinen historischen, textilgeschichtlichen und religiösen Facetten gewidmet ist, zu Gehör kommen. Somit verbinden sich Klang und Kontemplation im Hören mit dem Visuellen (der faszinierenden Möglichkeit, durch Vergrößerung der Darstellung dieses Kunstwerk bis in kleinste Details zu betrachten) und der Historie zur Entstehung und Nutzung des Mantels. Der Besuch im Diözesanmuseum kann darüber hinaus angeregt werden, da dort neben dem Blauen Kunigundenmantel noch weitere Textilien des 11. und 12. Jahrhunderts zu bestaunen sind, wie der Sternenmantel, die Tunika der Kaiserin Kunigunde, das Rationale Bischof Eberhards sowie der Reitermantel.
Um die Gesänge in einer zeitlich so weit wie möglich dem Mantel angenäherten Fassung singen zu können, haben wir vor allem auf zwei Handschriften des 12. Jh. zurückgegriffen, die diese Gesänge enthalten:
1. Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Codex 1890 (Breviarium chori cum calendario in usum monasterii Germanicae, entweder aus dem Benediktinerkloster SS Ulrich u nd Afra Augsburg oder dem Benediktinerkloster Mondsee, um 1200)
und
2. Bamberg, Staatsbibliothek Msc.Lit.23 (Antiphonar des Bamberger Doms Ende 12. Jh.)
An dieser Stelle möchte ich Dank sagen an die Kuratorin Dr. Tanja Kohwagner-Nikolai für die äußerst fruchtbare Zusammenarbeit und ihre großartige Vorarbeit bei der Auflistung der Gesänge, ebenso wie an Frau Dr. Kastner vom Diözesanmuseum Bamberg, die mich auf diese und andere Bamberger Handschriften aufmerksam machte und sie mir zugänglich machte. Weiterhin Dank an Frau Dr. Wagner von der Staatsbibliothek Bamberg, die mir diese und Teile einer weiteren Bamberger Handschrift zum Vergleich zur Verfügung stellte.
Eine weitere Handschrift, die seit Juli 2022 online ist, bietet ebenfalls eine gute Vorlage:
3. Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Mus. ms. 40047 (Antiphonar des Damenstifts bzw. der Stiftskirche Quedlinburg, zw. 1000 und 1050)
Diese drei Handschriften enthalten Notationen von Gesängen in linienlosen Neumen, d. h. man kann die Tonhöhen nicht unmittelbar aus den Neumen ablesen. Um die Gesänge zu lernen, zog Ellen Hünigen etliche weitere Handschriften späterer Zeit hinzu, die Neumen auf Linien enthalten und somit die Melodien ü berliefern. Jedoch mussten durch viele Vergleiche Sing-Fassungen für die beiden Handschriften mit linienlosen Neumen erarbeitet werden. In der Überlieferung "ein- und desselben" Gesanges gibt es in den verschiedensten Handschriften unzählige kleinere oder größere Abweichungen, so dass man eben niemals wortwörtlich von ein- und demselben Gesang sprechen kann, obwohl Text und Melodie im Groben übereinstimmen. Durch akribische Vergleiche und langjährige Erfahrung im Umgang mit Neumen ließ sich jeweils eine Sing-Fassung jedes Gesanges erarbeiten, die (mit kleinen Unsicherheiten oder möglichen Varianten hie und da) weitgehend der Intention des Originals entsprechen mag.